Kurgeschichte

Der Blick von den blauen Augen schweifte umher. Leicht mit den Zähnen an der Unterlippe rumkauend. Die Finger an eine Kette rumspielend. Zusammengekauert in einer Ecke sitzend. Eine wartende Gestalt. Worauf sie wohl warten mag? Scheint dies doch recht ungewiss, beinahe unwahrscheinlich. Der Raum ist so still und man hört nur das Tropfen von Wasser. Erfüllt mit Dunkelheit, nur aus dem Gitterfenster scheint schwaches Licht. So sitzt es dar. Eine Gestalt, wo man nicht erkennen kann, welchem Geschlecht es angehört, durch die zu große geratene Kleidung.

 

Ein leises Wimmern erklingt. Von wo es denn kommen mag? Von dem geschlechtslosen Geschöpf oder von wo anders? Man mag es nicht sagen. Dann ertönen schnell hinter einander Töne, die gar nicht in diese dunkle Stille zu passen scheinen. Schnelle Schritte. Metallisches Klappern. Laute, tiefe Stimmen. Es erschrickt. Versucht sich immer kleiner zu machen. Schlägt die Arme über den Kopf mit dem dreckigen, zersaustem Haar. Die Augen fest zusammengekniffen. Etwas wird geöffnet. Die quietschende Tür. Warmes Licht breitet sich aus in dem Raum, wo es in der Ecke kauert. Erst in der jetzigen Position verbleibend, ehe es vorsichtig und scheu die Augen langsam öffnet. Im nächsten Moment wieder zusammenkneifend, das ungewohnte Licht in den Augen brennend. Der Leib am zittern.

 

Wortlos grobe Hände nach es packend und es auf die Beine stellen, nein reißen. Die Augen abermals öffnend, unter unzählige Male blinzelnd. Dann zum laufen gezwungen. Raus aus dem Raum der Stille. Erst zittrig und stolpernd laufen. Böse Blicke erntend. Doch nur schweigen.

Eine neue Tür öffnend. Dann Licht. Furchtsam die Arme vors Gesicht schützend hebt. Das beißende weiß, ungewohnt. Zeit vergeht. Ein Schritt nach dem anderen. Das weiß weicht bunten Farben. Verwirrung breitet sich im Denken aus. War es gerade doch alles so schwarz. Jetzt erschreckend viele grelle Farben. Doch dies nicht alles. Ungewohnten Menschenmassen um sie herum. Deren Kehle wütende, aber auch triumphierende Schreie entrinnen. Dann noch der beißende Geruch in der Nase. Zudem noch die Hitze von dem großen flackernden Ding. Die geschlechtslose Gestalt nichts verstehend. Nicht das sie um ihr Leben bangen muss. Die lange Stille und Dunkelheit es um den Verstand gebracht.

 

Der rote Himmel am Anfang langsam, aber sicher der gewohnten Dunkelheit weichend. Ein erleichterndes Seufzen entfuhr der Kehle. Es nicht wissend, das es keineswegs erleichtert sein kann. Der Hitze jedoch näher kommend, von dem auch dieses Dunkelheit vertreibende Etwas von dem auch der beißende Geruch stammte. Die Menge etwas schreiend fordert. Es nun doch auch nervös wird. Nicht wissend was geschehen wird. Dann auf einmal ertönt ein schauriges Lachen. Die Menschen verstummen. Nur vereinzelt leises Flüstern nur noch ertönt neben dem Lachen. Den Kopf hin und her wendet schaut es sich um. Will wissen woher das Geräusch stammte, dass alles andere doch zu übertönen scheint, sodass man nichts anderes hört.

 

Ein kalter Wind den geschlechtlosen Körper umwehend. Dann ein Arm um die Hüfte. Kälte. Keine Geräusche mehr, nur das Wehen des Windes durch Blätter und Äste. Es zuckte. Blätter und Äste? War dies doch vorher nicht. Der Ort auch auf einmal anders. Dann steht jemand vor es. Eine schmächtige, dunkle, männliche Gestalt. Mit blauen Augen schaut es den Mann an. Fragend. Die einzige Antwort nur ein verzehrtes Grinsen. Die Zähne nur das Grinsen entblößend. Seltsame lange Zähne. So denkt es sich, als es die Eckzähne erblickte. Konnte jedoch nichts damit verbinden. Wenn doch hätte es ihr sicherlich einen Schrecken verpasst.

 

Eiskalte Hände es Schultern umfassend. Ein zusammenzucken des Leibes. Genau das Gegenteil von der hellen Hitze. Ohne ein Wort näherte sich sein Mund. Nein, nicht auf die Lippen. Nicht das was sie erwartete. Doch was erwartete sie? Gar nichts eigentlich. Zu verwirrt dafür. Dann auf einmal ein kurzer Schmerz, der einen sanften Rausch weicht. Die Augen leer werdend und doch in einer seltsamen Art von Glückseligkeit. Sieht etwas in ihrem Inneren. Muss Lächeln. Doch dann wieder der Schmerz, als etwas über ihre Lippen tropft hinunter zu ihrer Kehle. Dann entfuhr es ein Schrei. Was es sieht, macht Angst, will dies nicht sehen. Und dann ist es urplötzlich vorbei. Dann nur noch Hunger. Eine unstillbare Gier?

14.5.08 20:52, kommentieren

Hanna geht

Aus dem Spiel Lost Odyssey

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Hanna geht

 

Den Familienmitgliedern stehen die Tränen in den Augen, als sie Kaim nach seiner langen Reise wieder im Gasthaus begrüßen.

„Vielen Dank, dass du gekommen bist.“

Er versteht die Situation sofort.

Die Zeit des Abschieds naht.

 

Zu früh, viel zu früh. Aber er weiß, dass dieser Tag kommen musste, und nicht in ferner Zukunft.

„Vielleicht sehe ich dich nie wieder“, hatte sie mit einem traurigen Lächeln zu ihm gesagt, als er auf seine Reise ging. Ihr Gesicht so weiß, dass es fast durchsichtig schien, so zerbrechlich… und daher unbeschreiblich schön…, wie sie da im Bett lag.

 

„Kann ich Hanna jetzt sehen?“, fragte er.

Der Gastwirt nickt unmerklich und sagt: „Sie wird dich allerdings wohl nicht erkennen.“

Sie hatte seit gestern Abend die Augen nicht geöffnet, warnte er Kaim. An der leichten Bewegung ihrer Brust sieht man, dass sie sich an einem dünnen Lebensfaden klammert, doch der könnte jeden Moment reißen.

„Es ist wirklich schade. Ich weiß, dass du extra ihretwegen gekommen bist…“

Eine weitere Träne rinnt über die Wange der Frau.

 

„Ach, das macht doch nichts“, sagt Kaim.

Er war bei unzähligen Todesfällen zugegen und seine Erfahrung hat ihn viel gelehrt. Zuerst nimmt der Tod den Menschen die Fähigkeit zu sprechen. Dann die Fähigkeit zu sehen. Bis ganz zum Schluss bleibt jedoch die Fähigkeit zu hören, Auch wenn jemand das Bewusstsein verloren hat, bringen die Stimmen der Familien ihn nicht selten noch zum lächeln oder weinen.

Kaim legte der Frau den Arm um die Schulter und sagte: „Ich will ihr noch viele Reisegeschichten erzählen. Darauf habe ich mich die ganze Reise über gefreut.“

Statt zu lächeln, vergießt die Frau eine weitere dicke Träne und nickt Kaim zu.

„Und Hanna hat sich so darauf gefreut, deine Geschichte zu hören.“

Die Worte gehen fast im Schluchzen unter.

 

Der Gastwirt sagt: „Ich würde dir gerne anbieten, dich erstmal von den Reisestrapazen zu erholen, bevor du zu ihr gehst, aber…“

Kaim unterbricht seine Entschuldigung: „Natürlich, ich gehe sofort zu ihr.“

Es bleibt nur noch wenig Zeit.

Hanna, die einzige Tochter des Gastwirts und seiner Frau, wird wahrscheinlich noch vor Sonnenaufgang ihren letzten Atemzug tun.

Kaim setzt sein Gepäck auf dem Boden ab und öffnet leise die Tür zu Hannas Zimmer.

 

Hanna war von Geburt an schwächlich. Da Reisen für sie nie in Frage kam, verließ sie selten die Stadt oder auch nur das Viertel, in dem sie geboren und aufgewachsen war.

Das Kind wird wahrscheinlich das Erwachsenenalter nicht erreichen, sagte der Arzt den Eltern.

Diesem kleinen Mädchen mit den außergewöhnlichen hübschen, puppenartigen Gesichtszügen hatten die Götter ein allzu trauriges Schicksal zugedacht.

 

Da sie als einzige Tochter der Besitzer eines kleines Gasthause an der Landstraße aufgewachsen ließ, war vielleicht eine kleine Wiedergutmachung dieser Ungerechtigkeit.

Hanna konnte nirgendwo hingehen, aber die Gäste, die im Wirtshaus ihrer Eltern übernachteten, erzählten ihr Geschichten über die Länder und Städte und Landschaften und Menschen, die sie niemals kennen lernen würde.

Immer, wenn ein neuer Gast in das Wirtshaus kam, fragte Hanna ihn:

„Woher kommst du?“ „Wohin gehst du?“

„Kannst du mir eine Geschichte erzählen?“

 

Sie saß da und hörte den Geschichten der Gäste mit leuchtenden Augen zu, verlangte immer neue Episoden mit ihrem „Und dann? Und dann?“ Wenn ein Gast wieder abreiste, bat sie:

„Bitte komm wieder und erzähl mir noch viel mehr Geschichten aus fernen Ländern!“

Dann blieb sie stehen und winkte, bis der Gast weit hinten auf der Landstraße verschwand, stieß einen einsamen Seufzer aus und ging wieder ins Bett.

 

Hanna schlief tief und fest.

Niemand sonst ist im Zimmer, vielleicht ein Hinweis darauf, dass sie längst über das Stadium hinaus ist, in dem die Ärzte noch etwas für sie tun können.

Kain setzte sich in den Sessel neben dem Bett und sagt lächelnd:

„Hallo Hanna, ich wieder.“

Sie antwortete nicht. Ihre kleine Brust, noch ohne die Rundungen einer erwachsenen Frau, hebt und senkt sich fast unmerklich.

 

„Diesmal bin ich weit übers Meer gefahren“, erzählte er ihr, „Das Meer auf der Seite, wo die Sonne aufgeht. Ich fuhr bei Vollmond mit dem Boot aus dem Hafen weit, weit hinter die Berge, die du vom Fenster dort siehst, und ich blieb auf See, bis der Mond kleiner und kleiner wurde und dann wieder größer und größer wurde, bis er wieder voll war. Es gab nichts als das Meer soweit das Auge reichte. Nur das Meer und den Himmel. Kannst du dir das vorstellen, Hanna? Du hast das Meer nie gesehen, aber bestimmt hat man dir davon erzählt. Es ist wie eine riesengroße endlose Pfütze.“

Kaim kicherte in sich hinein und ihm scheint, als bewegte sich Hannas blasse, weiße Wange ein wenig.

 

Sie kann ihn hören. Auch wenn sie weder sprechen noch sehen kann, sind ihre Ohren noch am leben.

In dem Glauben und der Hoffnung, dass das wahr ist, fährt Kaim mit seinem Reisegeschichten fort.

Er sagt kein Wort des Abschieds.

Wie immer, wenn er bei Hanna ist, lächelte Kaim mit besonderer Sanftheit, die er noch nie jemand anderem gegenüber an dem Tag gelegt hat. Er erzählte seine Geschichten mit fröhlicher Stimme und unterstreicht sie manchmal sogar mit ausladenden Gesten.

Er erzählte ihr vom blauen Meer.

Er erzählte ihr vom blauen Himmel.

Er sagte nichts über die heftige Seeschlacht, die das Meer rot färbte.

Er erzählte ihr nie von solchen Dingen.

 

Hanna war noch ganz klein, als Kaim zum ersten Mal ins Gasthaus kam. Als sie ihn mit ihrer kindlichen Stimme und dem unschuldigen Lächeln fragte: „Woher kommst du?“ und „Erzählst du mir ein paar Geschichten?“, verspürte Kaim ein sanftes glühen in der Brust.

 

Damals kam er gerade von einer Schlacht zurück.

Genauer gesagt, hatte er eine Schlacht beendet und war auf dem Weg zur nächsten.

Sein Leben bestand darin, von Schlachtfeld zu Schlachtfeld zu reisen, und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Er hatte zahllose Truppen ausgelöscht und den Tod unzähliger Kameraden auf dem Schlachtfeld miterlebt. Und das Einzige was Feinde von Kameraden unterschiedet, ist ein winziger Schwenk des Schicksals nur etwas anderes gedreht, wären seine Feine Kameraden gewesen und seine Kameraden Feinde.

Das ist das Los des Söldners.

 

Damals war er seelisch erschöpft und fühlte sich unerträglich einsam. Da er das ewige Leben besaß, fürchtete Kaim den Tod nicht, und genau deswegen brannte sich jedes angstverzerrte Gesicht eines Soldaten und jedes Gesicht eines Mannes, der unter Qualen starb, für immer in sein Gedächtnis.

Gewöhnlich verbrachte er die Nächte trinkend auf der Straße. Indem er sich in den Alkoholrausch stürzte… oder zumindest so tat…, versuchte er dass Unvergessliche zu vergessen.

Als er jedoch Hannas Lächeln sah, als sie ihm um Geschichten von seiner langen Reise bat, verspürte er einen viel wärmeren und tieferen Trost, als ihm der Schnaps jemals bieten konnte.

 

Er erzählte ihr von vielen Dingen.

Von einer schönen Blume, die er auf dem Schlachtfeld entdeckt hatte.

Von der zauberhaften Schönheit des Nebels, der den Wald in der Nacht vor der letzten Schlacht erfüllte.

Von dem wunderbaren Geschmack des Quellwassers in einer Schlucht, in die er und seine Männer sich nach einer verlorenen Schlacht geflüchtet hatten.

Von dem Weiten, endlos blauen Himmel, den er nach einer Schlacht sah.

 

Nie erzählte er etwas Trauriges. Er verschwieg die Abscheulichkeit und Dummheit der Menschen, die er wieder und wieder auf dem Schlachtfeld erlebte. Er sagte ich nicht, dass er Söldner war, schwieg darüber, warum er ständig auf Reisen war, und sprach nur von Dingen, die schön und gut und reizend war.

Jetzt versteht er, dass er Hanna nicht so sehr nur schöne Geschichten von weiten Reisen erzählte, weil er um ihre Reinheit besorgt war, sondern um seiner Selbstwillen.

 

In dem Gasthaus zu übernachten, wo Hanna auf ihn wartete, wurde zu einer von Kaims kleiner Freude im Leben. Wenn er ihr von den Erinnerungen an seine Reise erzählte, fühlte er eine Art Erlösung, wenn auch nur eine sehr kleine.

Fünf Jahre, zehn Jahre dauerte seine Freundschaft mit dem Mädchen an. Immer näher kam sie dem Erwachsenleben, was bedeutete, dass jeder Tag sie dem Tod näher brachte, wie die Ärzte vorhergesagt hatten.

 

Und nun beendete Kaim die letzte Reisegeschichte, die er ihr erzählen wird. Er kann sie niemals wieder sehen, kann ihr nie wieder Geschichten erzählen.

Vor der Morgendämmerung, als die Dunkelheit der Nacht am undurchdringlichsten ist, schleichen sich lange Pausen in Hannas Atmung.

Ihr dünner Lebensfaden steht kurz vor dem Zerreißen, während Kaim und ihre Eltern über sie wachen.

Das winzige Licht, das in Kaims Brust wohnte, wird erlöschen.

Seine einsamen Reise werden morgen wieder von neuem beginnen, seine langen, langen Reise ohne Ende.

 

„Bald wirst du deine eigene Reise gehen, Hanna“, sagte Kaim sanft zu ihr.

„Du wirst in eine Welt aufbrechen, die niemand kennt, die noch in keiner Geschichte vorkam, die du bisher gehört hast. Endlich wirst du dein Bett verlassen und überall hingehen können, wo du willst. Du wirst frei sein.“

Er möchte sie wissen lassen, dass der Tod kein Leid ist, sondern mit Tränen gemischte Freude.

„Jetzt bist du an der Reihe. Du musst auf jeden Fall allem von den Erinnerungen an deine Reise erzählen.“

Ihre Eltern werden eines Tages dieselbe Reise antreten. Und eines Tages wird, Hanna all die Gäste wieder sehen, die sie im Gasthaus kennen gelernt hat, weit jenseits des Himmels.

 

Aber ich kann niemals dorthin.

Ich kann dieser Welt nicht entkommen.

Ich kann dich niemals wieder sehen.

„Das ist kein Abschied. Es ist nur der Anfang deiner Reise.“

Er sagt seine letzten Worte zu ihr.

„Wir sehen uns wieder.“

Zum letzten Mal belügt er sie.

 

Hanna geht.

Auf ihrem Gesicht liegt ein ruhiges Lächeln, als hätte sie gesagt:

„Bis bald.“

Ihre Augen werden sich nie wieder öffnen. Eine einzelne Träne rollt langsam über ihre Wange.

 

Ende

 

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